Aus dem Leben gerankt.

„Meinung ist wirklich die niedrigste Form des menschlichen Wissens.“ schreibt ein Typ namens Bill Bullard. „Sie erfordert keine Verantwortlichkeit, kein Verständnis.“ Eben diese Verantwortungslosigkeit, verdirbt mir gerade meinen Quinoa-Salat. Vor mir die Salatschüssel, mein Smartphone, Laptop und eine Ausgabe von „Vegan für blutige Anfänger“. Alles natürlich in Instagram-tauglicher Belichtung. Ich schaue über dieses zeitgeistliche Tischgedeck hinweg auf den soeben eingeschalteten Fernseher: „Vier Hochzeiten und eine Traumreise“ läuft, eine Hochzeitsdokusoap, in der Bräute gegenseitig den großen Tag der jeweils anderen auseinanderkritisieren. Deichkind hatten vielleicht doch recht: lieber Konkurrenz als Friends (sogar auf der eigenen Hochzeit!) Ich schalte um: Castingshows. Befreit von jeder Würde, mit demütig flehender Geste, betteln die Teilnehmer um die Gunst meines Anrufs. Denn hiermit ermögliche ich ein Weiterkommen, den Recall oder beim Staffelfinale einen schimmelanfälligen Titel wie „Deutschlands Superstar“. Dass ich statt aus Sympathie vorallem wegen der Chance auf einen 1000€-Gewinn angerufen habe, interessiert die famegeilen Kandidaten dabei wohl ebensowenig wie ihre Selbstachtung. Aber es ist meine Meinung, meine Meinung hat hier Macht, ergo: Ich hab Macht und Macht ist geil – Brot-&-Spiele-Style.
Wenn ich meinen Laptop aufklappe geht das Ganze weiter. Dank Social Media kann ich erkunden, wer gerade den geilsten Urlaub macht oder das am besten frisierte Mittagessen zu sich nimmt. Kann mein Quinoa-Salat da mithalten? Und wenn nicht, warum nicht? Eine Fehleranalyse muss her; war es der Filter? Die Belichtung? Die Perspektive? Oder, bin ich einfach nicht gut im Quinoa-Salat anrichten, fotografieren und promoten? (Drei Kompetenz-Must-Haves unserer Zeit übrigens.) Schmecken tut er zu dem Zeitpunkt jedenfalls nicht mehr.

llustration by Javier Rubín Grassa)
(llustration: Javier Rubín Grassa)

Wen wundert bei all dieser Rankerei noch, dass wir uns ständig aufgefordert fühlen, doch bitte unseren Senf dazu zu geben. Alles fordert meine Aufmerksamkeit und natürlich auch meine hochwohlgeborene Meinung. Dafür gibt es doch die Kommentarbox. Content zum Abschuss freigegeben! Die Welt will doch wissen, was ich denke! Ja? Will sie das wirklich?
Ich denke, es gibt Bereiche, wie beispielsweise die Wahl der eigenen Regierung, die zu einer eigenen Meinung verpflichten (auch wenn uns Silvie Meiß da mal keinen 1000€ Gewinn verspricht.) Aber ich spreche hier eher vom Bereich der Pseudohelden, die zwar eine Meinung, aber keine Integrität haben. Die das Hände schmutzig machen anderen überlassen, während sie am Spielfeldrand giggeln, wie peinlich doch schmutzige Hände sind. Wir entziehen uns warhafter Anteilnahme und das nicht nur gegenüber fremden Erfahrungen, sondern oft auch dem ganz eigenen Erleben gegenüber.
In einer Erfahrung kann ich nicht sein, wenn ich sie gleichzeitig von außen bewerten will. Irgendwo muss Trennung stattfinden. Zum Beispiel dort, wo ich meine mir zu allem, möglichst umgehend eine Meinung bilden zu müssen. Ich bin weg und verpasse den Moment der eigentlichen Erfahrung. Ich bin nicht mehr in meiner Arena, sondern sitze auf der Tribüne und bilde mir erstmal eine Meinung.
Statt einen Song zu hören, führe ich nach den ersten zehn Sekunden eine rege Selbstkonferenz darüber, an welchen Song er mich erinnert und ob er mir gefällt, ich ihn vielleicht posten sollte und ob er einen Platz in meiner Spotify-Playlist verdient hat.
Aber auch im face-to-face-Gespräch mit einem Freund, ertappe ich mich dabei, dass ich nicht zuhöre um zu verstehen, sondern um eine Antwort vorzubereiten: „Ich! Was denke ich darüber?“ Meine eigene Meinungsfindung ist um ein vielfaches präsenter als mein Interesse daran, erstmal zu verstehen, was mir der andere überhaupt mitteilen will. Statt herauszufinden, wo der andere steht, bin ich gedanklich längst auf einem Egotrip zum Warenhaus der gut-klingenden Antworten.
Wenn mir wichtiger ist, mitreden zu können als mit dem anderen zu reden, verpasse ich echte Begegnung. Ich versäume die Chance vielleicht am anderen zu wachsen. So leuchtet mir ein, warum Bill Bullard seinen obigen Ausspruch folgendermaßen fortsetzt: „Die höchste Form der Erkenntnis ist Empathie, denn sie verlangt von uns, unser Ego aufzugeben und sich in die Welt anderer hineinzuversetzen. Sie verfolgt einen tiefgreifenderen Zweck, der größer ist als das Verstehen aus dem eigenen Selbst heraus.“
Wenn ich den brabbelnden Verstand nicht bändige, verpasse ich das Jetzt. Ob Mensch oder Erfahrung; mir entgeht dann echte Begegnung. Mir entgeht dann echtes Erleben. Mir entgeht dann echte Integrität – und somit entgeht mir auch die Chance auf eine Meinung, die mir wirklich entspricht.
Manche Erfahrung fordert uns auf, sich ganz auf sie einzulassen, sich in ihr für einen Moment zu verlieren, vielleicht sogar darin aufzugehen und sich selbst zu vergessen.
Wer sich einem richtig geilen Song gelegentlich hingibt; ihn von Anfang bis Ende aufmerksam hört, nicht nur mit den Ohren, sondern mit seiner ganzen Präsenz; wem die Bilder und Emotionen dabei nur so zufliegen: Der weiß, was es heißt, Erfahrung den Raum zu geben, der ihr gebührt.
Wer dem verführerischen Kribbeln am Auslöser seiner Kamera widerstehen konnte, als etwas wahrhaft Schönes vor seinen Augen stattfand; wer präsent mit dem Sonnenuntergang, dem Panorama und dem Lachen eines Freundes war, der weiß, wovon ich spreche.
Derlei Erfahrungen mitzuteilen oder sich eine profunde Meinung darüber zu bilden, kann dann eine anschließende Erfahrung sein. Aber nicht, weil mich alle Welt dazu drängt. Im Gegenteil: Weil ich mich vom Meinungsdrang frei gemacht habe: Ich lasse dann Meinung aus echter Erfahrung entstehen. Oder ich lasse es eben ganz bewusst vorerst bleiben.
Was also, wenn (Oh Schreck!) meine Meinung gerade mal nicht gefragt ist? Was, wenn sich kein Schwein für meine Meinung interessiert? Nach anfänglicher Enttäuschung empfinde ich jetzt, bei einer solchen Vorstellung, große Erleichterung. Denn ich wäre befreit dazu, Musik einfach nur zu hören. Sonnenuntergänge einfach nur zu sehen. Und meinen unfassbar mittelmäßigen Quinoa-Salat erstmal einfach nur zu genießen – das schmeckt nach gelebter Integrität.

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2 Kommentare

  1. Lieber Raphael,
    ein wundervoller und nachdenklich stimmender Text, der dazu anregt, einfach mal wieder nur den Moment zu genießen, sich voll und ganz auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Alle Netzwerke aus und einfach nur die Welt analog entdecken. 😉
    Ganz liebe Grüße,
    Heike

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