Sei mal ein Niemand…

(by Jav Rubin)
(Illustration: Javier Rubín Grassa )

ahoi

Hat dir auch schonmal jemand prophezeit, wer oder was du werden solltest? Wenn uns eine gute Freundin mit einem berührenden Ständchen von ihren Gesangqualitäten überzeugt, dann würden wir sie für gewöhnlich mit leuchtenden Augen anschauen und ihr raten: „Du solltest Sängerin werden!“ – Sie sollte Sängerin werden?! – Was war sie, als sie gerade eben für uns gesungen hat? Eine Jukebox? Glauben wir tatsächlich, die Welt da draußen, Dieter Bohlen oder sonst wer müsste darüber entscheiden, ob unsere talentierte Freundin sich „Sängerin“ nennen darf.

Ich selbst fühlte mich oftmals wie ein großes Fragezeichen, das vor anderen so tun muss, als sei es ein Ausrufezeichen. Das macht die Zwanziger wohl aus. Identitätsfragen; was wird mich in dieser Welt mal ausmachen? Aber auch die Außenwelt würde das gern klar definiert haben. Denn dann ist man brav berechenbar. Einen Jemand kann man besser kontrollieren, als einen selbsternannten Niemand. Aber wo hat da Neugier ihren Platz? Wo das Mutige Ausprobieren? Und wo begegnen wir da noch dem Mysterium im Werden?

Ich nutze gerne soziale Medien und bin sehr dankbar, dass es sie gibt. Gleichwohl lässt sich nicht leugnen, dass Likes, Follower und Selfies einen Narzissmus befeuert haben, der uns, rein menschlich, dann doch oftmals im Wege steht. Wir suchen im Außen eine Identität, die letztlich nur im Innen zu finden ist. Wir sind alle so besessen davon, gesehen und gehört zu werden, dass wir darüber verlernt haben, wahrhaft zu sehen und zu hören.

Im statischen Rauschen einer hastigen Welt, müssen wir hinhören, wenn wir zurück zur eigenen Frequenz finden wollen. Im Lärm der Welt, versuchen wir stattdessen oftmals, einfach lauter als die anderen zu performen. Dabei müssten wir einfach nur mal für einen Moment still werden; uns nach Innen wenden. Im Ozean aus Werbung und Prahlerei hebt sich dann eine sehr vertraute Stimme ab, und wir erkennen: Es ist die Eigene. Unsere innere Führung ist aufgetaucht. Dann haben wir Berufung gefunden. Nicht in kurzfristigem Applaus oder einem Titel. Sondern im Tun; in der simplen Ausführung dessen, was unser Herz weit macht.

Der Poet Mark Nepo hat das sehr treffend auf den Punkt gebracht:

Die Welt fordert dich ständig auf ein Nomen zu werden. Dabei liegt die Vitalität des Lebens darin ein Verb zu bleiben.

Wer sich also in einer solchen Welt traut ein Niemand zu sein, ist derjenige, der Alles sein kann. Sprich nicht nur über den Schriftsteller, der du sein willst, sondern schreib. Strebe nicht nur danach, von anderen als Sänger gefeiert zu werden, sondern sing. Schiele nicht nur auf den Profit, den dein Unternehmen vorweisen soll, sondern erschaffe Werte. Versuch nicht den Titel des großen Retters zu erringen, sondern hilf einfach. Lass deinen wachen Geist nicht sterben, nur weil die Welt ein Label will. Bleib am Leben. Bleib ein Verb. 

signatur

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5 Kommentare

  1. Es ist schön zum Niemand zurückgefunden zu haben. Im Rampenlicht zu stehen bedeutet ständig mehr als alles zu geben. Kleine Fehler werden unter den Neidern zu Riesen. Es wird immer mehr erwartet, alle wollen ein Stück vom Rampenlicht, aber nicht die Arbeit. Überall wird man gebraucht und ausgenutzt. Man hat viele „Freunde“. – Die sind jetzt weg, weil sie nicht gemerkt haben, dass auch starke Persönlichkeiten mal Hilfe brauchen. Weil viel zu nehmen einfacher ist als zu geben. Da ist es schon zu viel an den runden Geburtstag zu denken, wenn es keinegroßzügige Jahrhundertfete gibt. Arme „Freunde“. Ich bin jetzt ein Niemand weil ich mich zurückgezogen habe. Die hast du für mich, kannst du das für mich machen, ich brauche von dir… Nachrichten in whatsapp haben nachgelassen. Es sind nur noch die echten Freunde am Start, die nicht nur dann fragen wie es einem geht, wenn im zweiten Satz ein hast du, kannst du… kommt. Ich genieße es Zeit für mich zu haben als Niemand.

    1. Wie ich im Text geschrieben habe, sind wir als Gesellschaft gewöhnt als ein „Jemand“ wahrgenommen zu werden. Daher kann ich gut verstehen, dass dir der Titel „negativ“ erscheint. Mit „Jemand“ meine ich hier die Rollen, die wir uns gegenseitig zuweisen, damit wir für andere besser einzuordnen sind. Mit „Niemand“ meine ich hier demnach nicht, dass man ein zerstreutes, namenloses Nichts sein sollte, sondern, dass man sich von dem Druck befreit den Dingen ständig einen Namen geben zu wollen; Kunst zu schaffen, statt zu versuchen „Künstler“ genannt zu werden zum Beispiel. Danke aufjedenfall für dein Feedback 🙂

  2. Ich finde der Text ist sehr lebendig und fordert dazu auf sich selbst von innen heraus zu leben und zu spüren und was Dir wirklich wichtig ist auch zu tun. So finde ich ihn durchaus positiv und Lebensbejahend.
    Herzliche Grüße Ute

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