Wir können alles sein, Baby…

ahoiLehn dich zurück; hier eine kleine Video Safari durch das noch junge, aber beeindruckende Werk von Julia Engelmann

julia_engelmann

Vom Notizblock auf die eigene Deutschlandtournee. Die meisten kennen Sie sicher noch von  ihrem viral gewordenen Poetry Slam-Auftritt „Eines Tages… Baby… werden wir alt sein“ von 2013. Von da an ging es steil bergauf für die damals erst 21 jährige Julia Engelmann, die inzwischen eigene Bücher veröffentlicht hat, die ich auch aufgrund ihres Poetry Slam Hintergrundes in der verlinkten Hörbuchfassung empfehle:
Eines Tages, Baby: Poetry Slam-Texte
Jetzt, Baby
Wir können alles sein, Baby

Ihre plötzliche Bekanntheit wusste sie klug für sich und ihre Werk zu nutzen; nahm viele Fernsehshow-Einladungen an und ließ das Schrieben nicht sein. Vor kurzem hat sie ihr mittlerweile drittes Buch (Wir können alles sein, Baby) herausgebracht und ist mit einem bunten Programm aus Musik, Poesie und Stand-Up auf Deutschland Tour.

Ich durfte sie kürzlich in der Tonhalle Düsseldorf erleben und es war ein großartiger Abend. Julia Engelmann öffnet ihre Gefühlswelt für andere und gibt so die Chance sich selbst in dieser Welt wieder zu entdecken. Neben ihrer entwaffnenden Ehrlichkeit ist sie aber auch schlichtweg ein cooles echt gebliebenes Mädel, welches den Saal mit Alltagsgeschichten zum Lachen bringen konnte.


Hoff euch gefällt die kleine Zusammenstellung von sehenswerten Beitragen von und über Julia Engelmann. Im Anschluss noch das Transkript von dem Text der Julia so bekannt gemacht hat. In diesem Sinne: Ihr könnt alles sein…

signatur

„Eines Tages werden wir alt sein…“ – von Julia Engelmann

Eines Tages, Baby, werden wir alt sein, oh Baby, werden wir alt sein
und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können.

Ich, ich bin der Meister der Streiche, wenn´s um Selbstbetrug geht.
Bin ein Kleinkind vom Feinsten, wenn ich vor Aufgaben steh´.
Bin ein entschleunigtes Teilchen.
Kann auf Keinsten was reißen.
Lass´ mich begeistern für Leichtsinn, wenn ein anderer ihn lebt.

Und ich denke zu viel nach.
Ich warte zu viel ab.
Ich nehm´ mir zu viel vor
und ich mach´ davon zu wenig.
Ich halt´ mich zu oft zurück,
ich zweifel alles an,
ich wäre gerne klug
– allein das ist ziemlich dämlich.
Ich würd´ gern so vieles sagen,
aber bleibe meistens still,
weil wenn ich das alles sagen würde,
wär´ das viel zu viel.
Ich würd´ gern so vieles tun.
Meine Liste ist so lang,
aber ich werd´ eh nie alles schaffen –
also fang´ ich gar nicht an.
Stattdessen häng´ ich planlos vorm Smartphone.
Wart‘ bloß auf den nächsten Freitag.
„Ach, das mach´ ich später“ ist die Baseline meines Alltags.
Ich bin so furchtbar faul, wie ein Kieselstein am Meeresgrund.
Ich bin so furchtbar faul, mein Patronus ist ein Schweinehund.
Mein Leben ist ein Wartezimmer, niemand ruft mich auf.
Mein Dopamin, das spar´ ich immer, falls ich’s nochmal brauche.

Und eines Tages, Baby, werd´ ich  alt sein, oh Baby, werd´ ich alt sein
und an all die Geschichten denken, die ich hätte erzählen können.

Und du?
Du murmelst jedes Jahr neu an Silvester die wieder gleichen Vorsätze
treu in dein Sektglas und Ende Dezember stellst du fest,
dass du Recht hast, wenn du sagst,
dass du sie dieses Jahr schon wieder vercheckt hast.
Dabei sollte für dich 2013 das erste Jahr vom Rest deines Lebens werden.
Du wolltest abnehmen, früher aufstehen, öfter rausgehen, mal deine Träume angehen,
mal die Tagesschau sehen für mehr Small Talk, Allgemeinwissen.
Aber so wie jedes Jahr, obwohl du nicht damit gerechnet hast,
kam dir wiedermal dieser Alltag dazwischen.

Unser Leben ist ein Wartezimmer.
Niemand ruft uns auf. Unser Dopamin, das sparen wir immer,
falls wir’s nochmal brauchen.
Und wir sind jung und haben viel Zeit.
Warum sollen wir was riskieren?
Wir wollen doch keine Fehler machen.
Wollen auch nichts verlieren und uns bleibt so viel zu tun.
Unsere Listen bleiben lang und so geht Tag für Tag ganz still ins unbekannte Land.

Und Eines Tages, Baby, werden wir alt sein, Oh Baby, werden wir alt sein
und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können.
Und die Geschichten, die wir dann stattdessen erzählen, werden traurige Konjunktive sein wie:
Einmal, bin ich fast einen Marathon gelaufen.
Und hätte fast die Buddenbrooks gelesen.
Und einmal wäre ich beinahe bis die Wolken wieder lila waren noch wach gewesen.
Und fast, fast hätten wir uns mal demaskiert und gesehen, wir sind die Gleichen.
Und dann hätten wir uns fast gesagt, wie viel wir uns bedeuten.
Werden wir sagen.

Und, dass wir bloß faul und feige waren –
das werden wir verschweigen und uns heimlich wünschen,
noch ein bisschen hierzubleiben,
wenn wir dann alt sind und unsere Tage knapp – und das wird sowieso passieren –
dann erst werden wir kapieren, wir hatten nie was zu verlieren.
Denn das Leben, das wir führen wollen – das könn´ wir selber wählen.
Also lass´ uns doch Geschichten schreiben,
die wir später gern erzählen.
Lass´ uns nachts lange wach bleiben,
aufs höchste Hausdach der Stadt steigen,
lachend und vom Takt frei die allertollsten Lieder singen.
Lass´ uns Feste, wie Konfetti schmeißen.
Sehen, wie sie zu Boden reisen
und die gefallenen Feste feiern, bis die Wolken wieder lila sind.
Und lass mal an uns selber glauben.
Is´ mir egal, ob das verrückt ist und wer genau guckt, sieht,
dass Mut bloß auch ein Anagramm von Glück ist.
Und, wer immer wir auch waren – lass´ mal werden, wer wir sein wollen.
Wir haben schon viel zu lang gewartet.
Lass mal Dopamin vergeuden.

„Der Sinn des Lebens ist leben“
– das hat schon Casper gesagt.
„Let´s make the most of the night“
– das hat schon Kesha gesagt.
Lass´ uns möglichst viele Fehler machen
und möglichst viel aus ihnen lernen.
Lass´ uns jetzt schon Gutes säen,
damit wir später Gutes ernten.
Lass´ uns das alles tun,
weil wir können und nicht müssen.
Weil jetzt sind wir jung und lebendig
und das soll ruhig jeder wissen.

Und unsere Zeit, die geht vorbei
– das wird sowieso passieren.
Und bis dahin sind wir frei und es gibt nichts zu verlieren.
Lass´ uns, uns mal demaskieren
und dann sehen, wir sind die Gleichen.
Und dann können wir uns ruhig sagen,
dass wir uns viel bedeuten,
denn das Leben, das wir führen wollen,
das können wir selber wählen.

Also, los!
Schreiben wir Geschichten,
die wir später gern´ erzählen.
Und eines Tages, Baby, werden wir alt sein, oh Baby, werden wir alt sein
und an all die Geschichten denken,
die für immer unsere sind.

 

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