Lebe voll, hilfloser Helfer…

(illustration: Jav Rubin)
(illustration: Javier Rubín Grassa)

ahoiHilfst du gern anderen Menschen? Ich schon. Es bereitet mir Freude für andere von Wert zu sein. Aber was bin ich mir in diesem Austausch wert? Mir begegnen oft herzliche, wohlmeinende Leute, die voller Tatendrang sind, Familienmitgliedern zu helfen, Freunde zu trösten und Bekannte zu unterstützen. Doch oft stell ich dann die Frage „Bist du auch für dich da?“ Viel zu oft wollen wir abgeben, was wir eigentlich garnicht übrig haben; unser eigenes Glas ist leer und trotzdem wollen wir immernoch den Durst der anderen stillen. Es mag, rein sozial betrachtet, ehrenwert sein an andere zu denken, aber sinnlos, wenn wir uns darüber selbst vergessen.

Ob man die Bibel nun mag oder nicht, im kollektiven Bewusstsein hat sich folgender Ausspruch aus Matthäus 19.19 sehr eingeprägt: „Liebe deinen nächsten wie dich selbst.“ Viele lieben deshalb ungebremst und ungefragt drauflos, oft mit dem Beigeschmack eines tiefen Schuldgefühls. Ich bin wertlos, deshalb lass mich dir helfen, lass mich wenigstens in deinen Augen wertvoll sein. Aber wem hilft das wirklich? Und ist nicht gerade das egoistisch? Ich würde fast so weit gehen, diese Gleichung im Matthäusvers so zu deuten, dass man nur so tief und weit lieben kann, wie man sich selbst zu lieben bereit ist. Man muss erst die Weite der eigenen Liebe erkennen, bevor man diesen Raum wahrhaft für andere (wieder) öffnen kann. Gehen wir also mal, nur für den Gedankengang, von dieser Gleichung aus: Dann tut derjenige, der ständig für die anderen da sein will, nicht nur nichts für sich, sondern letztlich hat er auch nichts Nennenswertes zu geben.

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Manchmal frage ich einen solch hilflosen Helfer „Hast du tägliche geistige Rituale?“ und sie entgegnen mir dann meist völlig entgeistert „Rituale? Was? Nein religiös bin ich nicht, auch nicht esoterisch…“ Ich muss dann meist schmunzeln: „Ich habe nicht nach deinem Glauben gefragt. Ich meine damit: Was tust du täglich, um für dich selbst zu sorgen? Was tust du, um mit dir ins Reine zu kommen?“ Oft kehrt dann betretenes Schweigen ein und derjenige erkennt sein Ungleichgewicht zwischen Geben und Nehmen. Im Zentrum steht jetzt also mal ausnahmsweise nicht die Frage, wie du noch mehr für andere tun kannst, sondern: Was kannst du tun, um Dir selbst wieder Kraft zu geben?

Wenn ich mich recht erinnere, haben mir diejenigen am meisten geholfen, die bis oben hin randvoll von ihrer eigenen Güte waren; diejenigen, die gelernt hatten, sich selbst zu achten und für sich zu sorgen. Und neben der immensen Qualität ihrer Hilfe, waren sie mir vor allem hervorragende Vorbilder darin, was es heißt, sich selbst zu achten ohne im klassischen Sinne egoistisch zu werden. Nachdem ein solch freier Helfer dann für mich da war, und ich schon gewillt gewesen bin, mich für meinen vermeintlichen Energievampirismus zu entschuldigen, lächelte mir mein Held nur beschwichtigend zu und war noch immer so voll von seinem strahlenden Selbst wie vorher.

Was also, wenn wir lernen uns selbst mal wieder aufzufüllen; wenn wir vielleicht sogar so gut darin werden, dass wir förmlich überlaufen? Dann haben wir nicht nur mit Leichtigkeit zu geben, sondern wir sind auch Vorbild in Sachen Selbstachtung und Würde. Also sei für dich da, geh raus in die Natur, spazier einfach mal ohne Ziel, spiel mit deinem Hund, deiner Katze, meditiere, lies ein Buch, schreib ein Buch, tanz durch die Wohnung – mach was auch immer deiner Seele erlaubt mal wieder frei zu atmen und mach es täglich. Einatmen. Ausatmen. Geben und Nehmen. In diesem Sinne: Lebe voll. Für dich – und vielleicht auch für uns.

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7 Kommentare

  1. Wunderschön. Es trifft den Nagel einfach auf den Kopf, und wie ich sehe bin ich mit den Gedankengängen nicht alleine, ob es sinnvoll ist zu helfen,nur um sich dadurch besser zu fühlen. Da sieht man wieder, wie positiv ein ausgeglichener Mensch auf andere wirken kann.

  2. Du hast absolut Recht! Ich erinnere mich sogar an eine Predigt, wo die Nächsten- und die Selbstliebe ähnlich interpretiert wurden wie in deinem Ansatz. Denn Menschen, die sich in ungesundem Maß verausgaben bringen Jesus genauso wenig wie ihren Mitmenschen…gfoit ma! 🙂

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